Schreiben im Kunstfeld
Zur Publikationsplattform c0da von Katrin Mayer
Hanne Loreck
Katrin Mayer / Anna Cairns, c0da, https://www.c0da.org, Screenshot, 2. Mai 2026
Schreiben hat im zeitgenössischen Kunstfeld längst den Status einer eigenständigen künstlerisch-forschenden Praxis erreicht. Zwischen Theorie, Performance, Institutionenkritik und kollektiven Arbeitsformen entstehen Schreibweisen, die das Verhältnis von Subjekt, Öffentlichkeit und Politik neu verhandeln. Der vorliegende Beitrag von Hanne Loreck widmet sich Praxen des Montierens und Editierens im Kunstkontext, aber auch autofiktionalen und transindividuellen Formen des Schreibens. Im Zentrum stehen dabei Fragen nach der Ökonomie des „Eigenen“ in Relation zu Intertextualität, nach kollektiven Stimmen und nach der politischen Dimension von Schreiben jenseits individual-auktorialer Selbstexposition. Der Text verknüpft theoretische Positionen mit aktuellen künstlerischen Praktiken und betrachtet auf Schreiben als relationale, situierte und institutionell eingebundene Praxis.
Schreiben im Kunstfeld: Theorie, Praxis, Kritik
Neben der explizit literarischen Produktionsform zirkuliert Schreiben heute vielfach als ästhetische Praxis im Kunstfeld. Es erscheint als (Lese-)Performance, als Teil einer Installation, als kollektives Herausgabeprojekt oder als forschende Schreibpraxis, die Text als Material, Methode und Inhalt zugleich begreift. In einem Kunstfeld, das von Prozessen der Subjektivierung, Sichtbarmachung und Institutionalisierung geprägt ist, fungiert Schreiben als Medium, in dem sich Auseinandersetzungen mit Subjektivität, Gemeinschaft und Politik ästhetisch verdichten.
Autofiktionales Schreiben, ursprünglich von Serge Doubrovsky als „fiktionale Wahrheit“ des eigenen Lebens eingeführt, ist in diesem Kontext ambivalent. Während es einerseits die Verschränkung von Erfahrung und Theorie ermöglicht, tritt es im Kunstbetrieb häufig in ökonomisierter Form auf: biografische Authentizität als Distinktionswert, das Psychische oder Traumatische als ästhetische Ressource. Demgegenüber eröffnen feministische und poststrukturalistische sowie künstlerisch forschende Ansätze Perspektiven, die das „Eigene“ nicht als Besitz, sondern als relational, durch andere Stimmen und Lebenszusammenhänge hindurch konstituiert begreifen. Solches Schreiben ist zugleich Theorie, Poesie und Lebenspraxis.
Das Autor*innen-Ich wird als kodiert und medial durchzogen gefasst, aber es nimmt auch die Stimmen von anderen persönlich. In diesem Sinne lässt sich von einem intertextuellen und transindividuellen Schreiben als Institutionskritik auch im Sinne einer Kritik an der Institution des Subjekts sprechen: Subjektivität entsteht nicht isoliert, sondern in medialen, affektiven und sozialen Relationen. Schreiben verschränkt singuläre Künstler*innen mit kollektiven und historischen Prozessen, die sich der Logik von Autorschaft und Markt vielleicht nicht gänzlich entziehen, sich aber vom Ich als Marker der neoliberalen Exposition des Selbst kritisch distanzieren. Transindividuelles Schreiben verschiebt den Fokus entsprechend zu einer Praxis geteilter Beobachtung, kollektiver Artikulation und impliziter Institutionskritik. Es richtet sich gegen die Vereinnahmung des Subjekts durch Markt und Sichtbarkeitsökonomien und insistiert auf Formen des Gemeinsamen, die sich nicht vollständig kapitalisieren lassen.
Katrin Mayer / Anna Cairns, c0da, https://www.c0da.org, Screenshot, 2. Mai 2026
Zur Publikationsplattform c0da von Katrin Mayer
c0da ist ein materiell-diskursives Forschungsprojekt und eine Publikationsplattform, die 2020/21 von der Künstlerin Katrin Mayer im Rahmen eines Stipendiums des Berliner Programms künstlerischer Forschung (2020/21) und in enger Zusammenarbeit mit der Grafikdesignerin und Programmiererin Anna Cairns konzipiert wurde. Seit dem Release 2022 als https://c0da.org/ kuratiert Katrin Mayer die textlichen und visuellen Beiträge auf der Website. c0da wächst beständig durch Auftragsarbeiten, die die Künstlerin erteilt, und versteht sich nicht als abgeschlossener Prozess. Ausgangspunkt der zunächst spekulativen Erkundung von Codieren und Schreiben waren die technologische Geschichte des Codierens und der Einfluss des Programmierens auf Sprachen. [1] Katrin Mayers Forschung ist feministisch orientiert. Auf dieser Grundlage werden unterschiedliche Aspekte miteinander verknüpft, wobei das assoziative, nichtlineare Vorgehen zu verblüffend folgerichtigen und konsistenten Erkenntnissen führt, deren Vielstimmigkeit zudem sehr bereichernd ist.
Ausgangspunkt der Recherche ist die legendäre analytical machine der 1830er Jahre, die als mechanischer Apparat von Charles Babbage, als Programm von der Mathematikerin Ada Lovelace entwickelt wurde. Hinzu kam der ökonomische Aspekt, dass Kalkulieren und Buchhaltung, oftmals im Sinne des Kleinteiligen, Mühseligen und Hingebungsvollen, nicht nur traditionelle Vorstellungen von Weiblichkeit bedienten, sondern auf dem Arbeitsmarkt auch ‚billig’ – nämlich unter den Löhnen für Männer – zu haben waren. Anna Cairns zitiert anschaulich die „Kilo-Mädels“: „Damals wurde die Rechenleistung noch in „Kilo Girls“ gemessen: 1000 Stunden (weiblicher) Rechenarbeit.“ [2] Von der Null abgeleitet, einem Zeichen für die Leere und das Nichts, montiert Katrin Mayer in ihrem programmatischen Bildessay convulsa or The Need for Each Other’s Relay, [3] wie sie es nennt, „geliehene“ visuelle Bilder und Textpassagen zu textuellem und textilem Prozessieren mit Beobachtungen zur topologischen Relation von Innen und Außen.
Katrin Mayer verdichtet den Zusammenhang von verkannter Frauenarbeit, Digitalität und Sprache mit ihren Recherchen zur führenden Rolle von Mathematikerinnen und Informatikerinnen für die NASA und militärische Entwicklungen, deren Namen bis vor kurzem, wenn überhaupt, in falscher Schreibweise zirkulierten. Die verbindende Figur / Ziffer ist dabei die Null. Sie erfüllt eine Doppelfunktion: als ein Part der technologisch-mathematischen Struktur des Codes von Null und Eins und als Anker für ein Denken des (im philosophischen Diskurs der Frau zugeschriebenen) Nicht-Einen, mithin der Sozialität, von Fähigkeiten und Potenzialen des Verknüpfens und von Netzwerken. Unüberhörbar, dass mit Knüpfen und dem Netz bereits textile Techniken und materielle Gewebe anklingen – ein weiteres Forschungselement der Künstlerin.
Von hieraus verzweigen sich die Beiträge der Kooperierenden von c0da, sie strömen förmlich aus in theoretisch-ästhetische Befragungen von Typografie, in eine kritische Aktualisierung von Fragen an Codieren und an Technokulturen in der Postdigitalität. Sie fokussieren das zerologische Subjekt, [4] setzen sich mit Löchern und Hohlräumen als Metaphern sowie als räumlich-körperliche Phänomene auseinander. Hier korrelieren dann Gedanken zum negative space in einem ortsspezifischen Kunstwerk, Nancy Holts Sun Tunnels, 1972–74, [5] mit solchen zur Vulva als Ort des Nichts, des Fehlens und sogar der Wunde. [6] Dabei geht es nicht nur um ein differenziertes, diskursiv nicht-negatives und feministisch-parteiisches Denken und Aushandeln oder darum, Wissen zu schaffen. Denn ein Teil des Projekts ist praktisch konzipiert, wenn es zum Beispiel darum ging, eine thematisch auf das Thema bezogene Schrift zu entwickeln, die frei zugänglich ist. Katrin Mayers Plattform wird so zum Ort der Distribution. Das ist nicht nur materiell zu verstehen – Schriftlizenzen beispielsweise sind kostspielig –, sondern ebenso immateriell: Können doch die ausführlichen Bibliografien der Essays, nicht anders als im Wissenschaftsbereich, als Quellen für weitere Forschungen dienen.
Zu jedem Publikationsbeitrag werden related contributions angezeigt und so eine thematische Vernetzung unter den Essays, Skripten für Lecture Performances und visuellen Formaten angelegt. Zugleich dient c0da als Speicher von Katrin Mayers aktuellen künstlerischen Aktivitäten, ihren Ausstellungsbeteiligungen und Publikationen. Dort erscheinen zudem die Programme, die entweder ihren Ausstellungsbeitrag ausmachen oder das begleitende Programm in Druck- oder Performance-Form materialisieren: Katrin Mayer führt ihre grundlegende Methode des Kombinatorischen auch innerhalb ihres eigenen Werks fort, wenn sie schon existierende Arbeiten neu anordnet und damit situativ und ortsspezifisch anders kontextualisiert.
Das Bemerkenswerte an Katrin Mayers Version künstlerischer Forschung zur Techno-Philosophie und Ästhetik weiblichen Schreibens ist, dass die Künstlerin prinzipiell wissenschaftlich verfährt. Ihre Quellen sind Archive, digitale Datenbanken, Fachpublikationen. Aus einer feministischen Perspektive erweisen sich jedoch viele der dort zu findenden Informationen als geschlechterungerecht verzerrt, unvollständig und sogar falsch überliefert. Diese Funde fordern nicht nur sachliche Korrekturen und die Rekonstruktion des Fehlenden für einen Nachtrag der Leistungen von Frauen in die Geschichte. Mindestens ebenso bedeutsam ist die Bildung überraschender Erzählungen mittels der Kombination von multidisziplinären Denkweisen und ästhetischen Handlungen. Eine Voraussetzung dessen ist es, sich zudem auf der gesellschaftlichen, der kulturellen und politischen Ebene jeder Ideologie des Mangels aufseiten der Frau entgegenzustellen und dabei, wie es Katrin Mayers Praxis ist, solidarisch mit historischen weiblichen Leistungen und im Verbund mit heutigen Künstler*innen und Autor*innen zu agieren. Das Ergebnis einer solchen künstlerischen Forschungspraxis sind die intertextuellen und polyphonen Beiträge von c0da.
Weiterführende Empfehlungen
Lauren Fournier, Autotheory as Feminist Practice, Cambridge 2021, ist eine grundlegende Studie zur Verschränkung von Kunst, Theorie und autobiografischem bzw. autofiktionalem Schreiben aus feministischer Perspektive.
Sarah Lehnerer und Jackie Grassmann, Fireflies in the Dark. Letters on Ambiguities, Steckborn 2021. Die Publikation ist eine paradigmatische künstlerisch-forschende Praxis transindividuellen, ‚weiblichen‘ Schreibens an der Schnittstelle von Theorie, (bild-)künstlerischer Praxis und kollektiver Autorschaft. Angelehnt an das analoge Kommunikationsformat des Briefwechsels zwischen zwei Personen wird Schreiben als relationaler, situierter Prozess aufgeführt. Siehe dazu auch die Videoaufzeichnung der Lesung anlässlich der bookrelease https://www.textezumnachdenken.com/lesungen/#jackie.
Eske Schlüters, Alles kann ein Bild von allem sein, Wien 2021, der Titel geht auf ein Zitat von Ludwig Wittgenstein zurück. In philosophischen Re-Lektüren und nach dem Prinzip der freien indirekten Rede entwickelt die Autorin und Künstlerin ein feministisch begründetes Schreiben in Anführungszeichen, das von möglichen und unmöglichen Bildern spricht, die über das Visuelle hinaus gedacht werden und „ein Vorgehen mit mehr als einer Stimme“ schriftlich aufführt. Ein Kapitel ist als Hörstück zugänglich: https://www.freie-radios.net/139977
Endnoten
[1] Siehe N. Katherine Hayles, My Mother was a Computer. Digital Subjects and Literary Texts, Chicago 2005. Mayer spricht Grace Hopper eine spezifische Rolle zu, da sie erfolgreich an allgemeinverständlichen Programmiersprachen forschte, die die bis dato mathematisch binäre 1-0-Relation des Programmierens ablösten bzw. ergänzten.
[2] Anna Cairns, Code, Text, Type, in: c0da, https://www.c0da.org/contributions/code-text-type
[3] Katrin Mayer, convulsa or the Need for Each Other’s Relay, in: c0da, https://www.c0da.org/contributions/convulsa-or-the-need-for-each-other-s-relay
[4] Eva Meyer und Eske Schlüters, Wenn die Null sich in Linien entfaltet. Zerologisches Subjekt, feministische Schreibweisen, mehrstimmige Wissensproduktion, in: c0da, https://www.c0da.org/contributions/eva-meyer-eske-schluters
[5] A.K. Burns, Zero: A.K. Burns on Nancy Holt, Artist on Artist Lecture, Dia:Chelsea, New York 2018, https://www.youtube.com/watch?v=bsAb-uV-lHI
[6] Rebekka Wilkens, Im Abstand, der nicht dient: Klitoral denken, in: c0da, https://www.c0da.org/contributions/im-abstand-der-nicht-dient-klitoral-denken