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Verstummtes
Meltem Ahıskas Radyonun Sihirli Kapısı [magische Radiotür]
Anna Bromley

Radio Fledermaus: Audio-Kassetten mit Protestberichterstattungen, ca. 1978, Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Münster, Foto: Florian Glaubitz im Rahmen der künstlerischen Recherchen von Anna Bromley, 2020.



Verstummtes, dessen Bild mich verfolgt

Ironischerweise können sich künstlerische wie theoriebildende Untersuchungen zu Radioaktivismus nicht auf historische Tonaufnahmen stützen – selbst, wenn sie in staatlichen Archiven aufbewahrt werden.

Als Teil der Neuen Sozialen Bewegungen bildeten sich ab Mitte der 1970er Radiogruppen, die sich das Wissen um den Betrieb von Rundfunkübertragungs-Technologie angeeignet haben. Diese Technologieaneignungen lösten jene Rundfunkgesetzesnovellen aus, auf denen die heutige Medienvielfalt aus öffentlichen und privaten Sendern beruht. Vorher wurde jegliche Rundfunkübertragung außerhalb der staatlichen Sendeanstalten streng geahndet, insbesondere der Besitz und Betrieb von Sendetechnik.

In der zweiten Hälfte der 1970er und der ersten Hälfte der 1980er Jahre fahndeten BRD-Landeskriminalämter gemeinsam mit den Funkpeilern der Landesfernmeldeämter nach Verursacher*innen ungenehmigter Radioübertragungen. Zumeist gelang es ihnen nicht, Personen zu fassen, aber sie konfiszierten improvisierte, handgelötete Radiosender mit eingelegten Kassetten, die über Protestereignisse und deren Planung berichteten.

Nach der festgelegten Dauer von dreißig Jahren mussten die Polizeipräsidien diese konfiszierten Radiodinge den lokalen Landesarchiven übergeben, wo sie allerdings der Geheimhaltung unterliegen. [1] Das bedeutet, dass sie nur mit einer besonderen, in der Regel institutionell gestützten Begründung eingesehen werden dürfen.

Unter einer solchen Geheimhaltungsfrist stehen auch zwei Kassetten des Münsteraner Sendekollektivs Radio Fledermaus, die etwa im Jahr 1978 beschlagnahmt wurden. Während des Lockdowns lasse ich sie, zusammen mit polizeilichen Transkripten der Radio-Fledermaus-Sendungen, an meinen temporären Arbeitsplatz im Landesarchiv Nordrhein-Westfalen liefern. Das Landesarchiv in Münster suche ich im Rahmen meiner Recherchen für ein künstlerisches Forschungsunterfangen auf, das sich dem emanzipatorischen Radio-Sprechen in klandestinen Protest-Radiostationen widmet. Mich treibt die Frage um, wie die Stimmen und Sprechweisen klingen, die damals die journalistische Praxis der öffentlich-rechtlichen Medien herausforderten.

Ob ich die Audiokassetten anhören dürfe, will ich von den Archivar*innen wissen. Unmöglich, so ihre Antwort. Ihr Magnetband sei zu fragil. Ich bitte um eine Fotoerlaubnis. Ich möchte mir ein Bild machen, von diesen inmitten archivarischer Sorge verstummten Radiodingen. Ein Bild, dessen medienpolitische Dimension mich verfolgt.

Anna Bromley: Frühe Ankara Radyosu Hörspiele auf Kassetten in Meltem Ahıskas persönlichem Archiv, Beyoğlu / Istanbul, Foto: Lyoudmila Milanova im Rahmen der künstlerischen Recherchen von Anna Bromley, 2023.


Meltem Ahıska Radyonun Sihirli Kapısı [Die magische Radiotür]

Drei Jahre später zeige ich das Bild Meltem Ahıska in Istanbul. Ich suche die Soziologin auf, weil sie sich mit Radiodingen und Tonträgern beschäftigt hat, die in Archiven verstummen müssen. Ihr Buch Radyonun Sihirli Kapısı [etwa: Die magische Radio-Tür oder Die Zauberpforte des Rundfunks] erschien 2005 im renommierten Istanbuler Metis-Verlag. In der englischen Fassung, die fünf Jahre später herauskam, lautet der Titel anders: Occidentalism in Turkey: Questions of Modernity and National Identity in Turkish Radio Broadcasting. Gerade der englische Titel macht deutlich, dass Ahıska hier Radiopraxen in ihren Kontexten betrachtet: In ihrem Fall die Genese eines türkisch-staatlichen Rundfunks im Resonanzraum von miteinander ringenden Klangpolitiken zwischen Okzidentalismus und Orientalismus, zwischen Vergessens- und Gedächtniskulturen, zwischen Willkür und Archivierung. Ahıskas Interesse gilt den aus dem Konzept eines nationalen Rundfunks ausgegrenzten Stimmen, Klängen und Subjektivitäten, jenen, die nicht in die kemalistische Strategie der sonischen Vermittlung eines identitären Türkisch-Seins passen.

In der türkischen Ausgabe bezieht sich der Buchtitel Radyonun Sihirli Kapısı auf eine Hörspiel-Requisite. Als dramaturgisches Element sollte das Knarren und Klappen der „Radiotür“ die Hörspielstimmen akustisch in Innen- oder Außenräumen verorten. In Ahıskas Nachdenken über das Radiomachen und -hören möchte ich die magische Pforte aber auch als Schwelle zu einer sonischen Vergangenheit verstehen – eine Vergangenheit, von der man so wenig im Archiv findet, dass sie nur spekulativ erschlossen werden kann. Im türkischen Rundfunkarchiv sind genau die Schellackplatten mit Mitschnitten jener Radiohörspiele aus den 1940er Jahren nicht auffindbar, in denen die Sihirli Kapısı zum Einsatz kam.

Für das Verständnis dieser Leerstelle im Archiv interviewt Ahıska ehemalige Mitarbeitende der türkischen Rundfunkanstalt und des ihr angegliederten Archivs im Ankara Radyo Evi.
Sie hört Berichte über willkürlichen Vandalismus, dem die Schellackplatten zum Opfer fielen, über ihre Entwendung und Umwandlung in Kuriositäten-Wanduhren. Dabei trifft sie auf einen ehemaligen Rundfunkingenieur, der einige historische Schellackplatten an einem geheimen Ort im Archiv versteckt hat. Er skizziert Ahıska das Versteck. Unter den Augen des Archivleiters birgt sie die vermeintlich verschwundenen Platten, die sie auf Audiokassetten überspielen lässt.

Ertuğrul İmer: Lageskizze des Geheimverstecks für Schellackplatten im TRT-Radioarchiv Ankara, 1996, abgebildet in: Meltem Ahıska, Radyonun Sihirli Kapısı: Garbiyatçılık ve Politik Öznellik (Istanbul; Metis, 2005), S. 58.


Anhand der Radiosendungen, deren Kopien sich nun auf den Kassetten befinden, untersucht Ahıska, wie sich Westlichkeit und Anti-Westlichkeit zugleich im Sound des nur kurz existierenden Radio Istanbul und des frühen Radio Ankara niederschlagen. Beide Sender wurden im Jahr 1936 – etwa eine Dekade nach der Formierung der türkischen Republik – unter staatliche Kontrolle gestellt. Als Massenmedien sollten sie den Sound einer modernen Türkei vermitteln. Ein Sound, der sich, wie Ahıska in historischen Sitzungsprotokollen und Anordnungen erfährt, aus okzidentalistischen Projektionen des Westens emanzipieren sollte und der, wie sie in ihrem Buch ausführt, ein wichtiges Element in der kemalistisch-nationalistischen Vision einer türkischen Moderne war.

Wir packen die Kassetten zusammen in Ahıskas persönlichem Archiv aus, aber ich darf sie nicht anhören. Ahıska konnte sie partout nicht abspielen. Nicht, weil sie zu fragil sind, sondern weil sie von einem fragilen Archiv zeugen, dessen Prekarität Ahıska fast schon körperlich zusetzt. Also lasse ich sie fotografieren. Ein weiteres Bild, das mich verfolgt – und auch Ahıska, wie sie mir sagt.

Nach Radyonun Sihirli Kapısı arbeitet Ahıska weiter an den Themenfeldern um soziales Gedächtnis, Okzidentalismus, Archive und Denkmäler in der Türkei. Diesen Themen begegnet sie auch in literarischen Veröffentlichungen. In ihrem jüngsten Lyrikband Yad, der Titel ein im heutigen Türkischen selten verwendetes Wort, das fremd bedeutet und dessen Lehnwort „yâd“ Erinnerung, Gedenken oder Erwähnen heißen kann, evoziert Ahıska:

Bilder im Wind

In Kälte erstarrt

Verharren sie.

 

Havaya asılmıs suretler

Sogukta tutulmus

Bekleyen sey. [2]

Vom Modus des Erstarrens und eines verharrenden Abwartens kann Ahıska auf vielerlei Ebenen sprechen: auch auf der einer Intellektuellen, die wegen ihrer öffentlichen Kritik am türkischen Militärschlag gegen kurdische Städte und Siedlungen im Südosten des Landes im Jahr 2016 eine Haftstrafe angedroht wurde. [3] Dem entronnen, kann sie ihre Lehr- und Forschungstätigkeit an der Boğaziçi Universität nur unter dem Radar weiterführen. Vor kurzem hat Ahıska eine Residency auf Büyükada gegründet – einer Insel im Marmarameer vor Istanbul. Diese nennt sie Waves: Critical Practice of Thinking, Research, and Arts. Zu den ersten Researchers in Residence zählt die Soziologin und Radioproduzentin Avery Gordon, deren Konzept der gespensterhaften Abwesenheit eine Nähe zu Ahıskas Schreiben und Denken hat. Laut Gordon resultiert die Bereitschaft, sich vom Gespenst der/des Abwesenden berühren zu lassen, in einer Wahrnehmungserweiterung. Bei Ahıska sind diese Abwesenden immer auch die innerhalb der kemalistischen Vorstellung eines Türkisch-Seins marginalisierten Sprachen, Stimmen, Klangfarben, Schallplatten, Archivbestände, Erinnerungsinfrastrukturen. Sie stellen auch eine magische – oder mit Gordon – eine geisterhafte Radio-Tür dar, die dazu einlädt, so verstehe ich Ahıska, ‚die Schwellen‘ zu beforschen.

Bibliographie

Meltem Ahıska, Occidentalism in Turkey. Questions of Modernity and National Identity in Turkish Radio Broadcasting, London und New York 2010.

Anna Bromley, „‚Wer etwas gesendet haben will, […] kann eine Kassette bespielen‘. Gesicherte Stimmen des klandestinen Radio Fledermaus (Münster)“, in: Anna Bromley/Katrin M. Kämpf (Hg.), Nicht so regiert werden. Not a Sammelband for Isabell Lorey, Köln 2024, S. 30–41.

Avery F. Gordon, Ghostly Matters. Haunting and the Sociological Imagination, Minneapolis 1997.

Endnoten

[1] Unter dem Begriff der Radiodinge fasse ich hier sowohl beschlagnahmte Flugblätter und Audiokassetten, Teile des technologischen Equipments als auch Polizeiberichte, Anklageschriften und Depeschen aus der kriminalpolizeilichen Verfolgung der ungenehmigten Radiogruppen.

[2] Meltem Ahıska, Yad, Istanbul 2020, S. 39. Für diesen Essay übersetzt von Wolfgang Riemann. Dem Turkologen und Literaturübersetzer Wolfgang Riemann verdanke ich den Hinweis auf Ahıskas Verweis in ihrem Buchtitel. Zu diesem merkt er Folgendes an: „Das türkische Wort ‚yad‘ bedeutet ‚fremd‘. Das persische Lehnwort ‚yâd‘ (یاد ) bedeutet im Türkischen ‚Erinnerung, Gedenken, Erwähnen‘. Es wird bereits im Wörterbuch von Steuerwald, 2. Aufl. 1988 als veraltet bezeichnet.“ E-mail von Wolfgang Riemann an die Autorin vom 22.12.2025.

[3] Central European University, Department of Gender Studies, Solidarity with Professor Meltem Ahıska, Former Visiting Professor (CEU, Department of Gender Studies, 2003) target of unjust repression and sentenced to prison (conditional deferral for 5 years) in Turkey, Post vom Februar 2019, https://gender.ceu.edu/solidarity-professor-meltem-ahiska, abgerufen am 2.12.2025.