Kein Ort, nirgends – Utopien künstlerischer Forschung
Symposion der gkfd mit Vorträgen, Gesprächen, Screenings
Berlinische Galerie
Alte Jakobstraße 124 – 128
10969 Berlin
4./5. Juli 2026
Die Förderung vom Berliner Programm Künstlerische Forschung ist nach sechs Jahren durchgängiger Finanzierung Anfang 2026 überraschend durch den Kultursenat eingestellt worden. In der Begründung der Senatorin heißt es, die Verantwortung für künstlerische Forschung läge im Wissenschaftsressort. Alle Einwände gegen diese eindeutige und ausschließliche Verortung von künstlerischer Forschung im Feld von Wissenschaft und Bildung wurden bislang ignoriert. So wichtig es ist, künstlerische Forschung in Form von Ph.D.- Programmen an Kunsthochschulen stärker zu verankern, es entbindet nicht von der
notwendigen Förderung genuin künstlerischer Forschungsprojekte in der freien Szene.
Forschung – auch die künstlerische – muss sich ungebunden durch reglementierende Vorgaben und unabhängig von Qualifikationsauflagen in künstlerischen Projekten als kritische Wissenspraxis entfalten können.
Im Grunde genommen, hat die künstlerische Forschung keinen angestammten Ort. Entstanden aus postkonzeptuellen und institutionskritischen Ansätzen, für die weder der Kunstmarkt oder die Galerienszene noch Museen geeignete Orte der Verankerung darstellten, haben recherchebasierte Praktiken zunächst in sogenannten Projekträumen Unterschlupf gefunden: in selbstorganisierten Strukturen, mit Verfahren am Rande üblicher Kunstformen, misstrauisch gegenüber einer bevormundenden Kunstwissenschaft und in skeptischer Distanz zu hegemonialen Diskursen. Wenn es außerdem zur Forschung in den Künsten gehört, die Infrastrukturen ihrer eigenen Produktions- und Distributionsweisen zu befragen, sich dadurch von den etablierten Kunstinstitutionen zu entfernen und sie vor ihrer Arbeit der Kritik nicht zu verschonen, dann ist der künsterlischen Forschung eine gewisse Loslösung, Deterritorialisierung oder Entortung immanent. Bestehende Verbindungen werden aufgebrochen, Selbstverständlichkeiten weggeschwemmt, gesicherte Wissensspeicher von neuem Denken geflutet. Wie bei Christa Wolf liegt in dieser Selbstentwurzelung, trotz aller schmerzhaften Befremdung, ein im Wortsinn ‘utopisch’ zu nennendes Potential von Kunst. Das Symposion möchte in fünf Sektionen, nach den prekären Stätten künstlerischer Forschung fragen und dabei die Zukunft recherchebasierter Praktiken in den Blick nehmen.
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Programmübersicht
Samstag, 4. Juli 2026
13h00 Begrüßung
13h30 Montage und Medienarchäologie
Vortrag von Johan Grimonprez zu filmforschenden Verfahren
16h00 Ausstellen. Räume für forschende Kunst
Vortrag von Iris Dressler – gefolgt von einer Diskussion mit Peggy Buth
Sonntag, 5. Juli 2026
13h00 Aufführen und Versammeln
Beiträge von Volker Lösch und Konstanze Schmitt mit anschließendem Gespräch
14h30 Lernorte. Situationen unbedingter Kritik
Filmscreening von Filipa Césars Mangrove School – mit einer Respondenz von Katharina Schlieben
16h00 Publizieren. Schreiben und Veröffentlichen als Formen künstlerischer Praxis
Inputs und Paneldiskussion mit Bakri Bakhit, Anke Dyes und Fabian Saul
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Programm im Detail
Montage und Medienarchäologie
Vortrag von Johan Grimonprez zu filmforschenden Verfahren (in englischer Sprache)
In künstlerisch-forschenden Zeitmedien lässt sich die Montage auf eine dramaturgische Suche ein – auf Prozesse des Zerlegens, Kombinierens und Zusammenprallens einzelner Sinneinheiten. Sergei Eisenstein verglich die Kamera-Einstellung als kleinste filmische Einheit mit Zellen, die wandern, sich teilen, miteinander zusammenstoßen und sich darüber wandeln. Gerade in der Kollision sah er das Potenzial für neue Film-Bilder, die der Eigenwilligkeit des zeitbasierten Materials gerecht werden.
Anhand von Filmbeispielen aus seiner langjährigen Arbeit spricht Johan Grimonprez über Montage-Verfahren, mit denen er globalisierte Geschichtserzählungen des 20. Jahrhunderts in Frage stellt. Geschichtsschreibung und Erinnerungskultur sind umkämpfte Schauplätze ideologischer Auseinandersetzungen. Denn wenn Vergangenes ins Gedächtnis gerufen wird, wird immer auch die Gegenwart verhandelt – und zwar im Hinblick auf die Ausgestaltung einer möglichen Zukunft. James Baldwin zufolge begleiten Geschichtserzählungen deshalb unseren Alltag; sie werden von uns verkörpert. Dabei kann auch tiefe Trauer mitschwingen: ein Betrauern verlorener Zukünfte – dessen, was hätte sein können. Dies aufgreifend versteht Grimonprez das Erinnern als eine Praxis des kollektiven Erzählens, die es vermag, verloren geglaubte Träume wiederzubeleben. Denn die Erinnerung wäre armselig, folgt man Alice im Wunderland, würde sie nur rückwärts funktionieren.
Johan Grimonprez’ Film Soundtrack to a Coup d’Etat wurde 2024 beim Sundance Film Festival uraufgeführt und erhielt eine Oscar-Nominierung für den besten Dokumentarfilm. Weitere Filme sind u.a. dial H-I-S-T-O-R-Y (1997, mit Don DeLillo), Double Take (2009, mit Tom McCarthy) und Shadow World (2016). Zu seinen Büchern zählt It’s a Poor Sort of Memory that Only Works Backwards (2011) mit Texten von Thomas Elsaesser und Slavoj Žižek.
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Ausstellen. Räume für forschende Kunst
Vortrag von Iris Dressler – gefolgt von einer Diskussion mit Peggy Buth
Wie wird kritisches künstlerisches Forschen zu einer Ausstellung? Welche Register müssen Ausstellungssettings aktivieren, um gesellschaftliche Geschichtserzählungen in Frage zu stellen? In ihrem Input spricht Iris Dressler zu ihrer kuratorischen Forschungspraxis im Württembergischen Kunstverein. Dabei greift sie auch Peggy Buths Gesamtinstallation Desire in Representation (2009/10) auf, die auf der Grundlage ihres gleichnamigen Buchs für die Räume des Kunstvereins entwickelt wurde. Solche Verräumlichungs- und Übersetzungspraxen zwischen Recherchieren, Publizieren und Ausstellen behandeln Dressler und Buth in einem anschließenden Gespräch.
Iris Dressler leitet gemeinsam mit Hans D. Christ den Württembergischen Kunstverein Stuttgart. Beide leiteten 2019 die Bergen Assembly und gründeten 1996 den Hartware Medienkunstverein. Die Erforschung kollaborativer, transnationaler und transdisziplinärer Formen des Kuratierens bildet einen Schwerpunkt ihrer Arbeit.
Peggy Buth untersucht Wechselwirkungen zwischen Bildproduktion, Repräsentation und gesellschaftlicher Machtproduktion. Ihre Recherchen, Fotografien, Zeichnungen, Texte und intermedialen Installationen dekonstruieren – von Archiven ausgehend – Bilder, Geschichten und Ordnungen. Sie lehrt als Professorin an der Kunsthochschule Kassel.
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Aufführen und Versammeln
Beiträge von Volker Lösch und Konstanze Schmitt mit anschließendem Gespräch
Formate des Aufführens, Reenactens und Versammelns können in künstlerisch forschenden Projekten zur Aktivierung und Partizipation eingesetzt werden und eröffnen so gemeinsam geteilte Erfahrungshorizonte.
In diesem Sinne spricht Volker Lösch über das sogenannte „Volkstheater“, das er in Zusammenarbeit mit anderen in unterschiedlichen Städten Anfang der 2000er Jahre erfunden hat. Der unmittelbare Impuls dafür war die Gewissheit, mit herkömmlichem dramatischem Material nicht die jeweiligen Realitäten abbilden zu können. Deshalb sind journalistische Recherche – Interviews, Feldforschung, investigative Ermittlungen etc. – dazu verwendet worden, Texte für Inszenierungen zu generieren. Außerdem wurden Vertreter*innen von diversen sozialen Gruppen in die bis dahin abgeschlossenen Kunsträume aktiv integriert. Das erarbeitete Material kann als soziologische Tiefenbohrung ins Zentrum der Gesellschaft angesehen werden, seismographisch verzeichnet es soziale Verwerfungen und Umwälzungen.
Konstanze Schmitt berichtet aus ihrem künstlerischen Forschungsprojekt zu Asja Lācis, zu der sie im Rahmen des Berliner Programm Künstlerische Forschung gearbeitet und u.a. gemeinsam mit Mimmi Woisnitza zuletzt die Ausstellung Die Kunst ist kein Ziel für sich im Kunstraum Kreuzberg/Bethanien kuratiert hat. Kunst kann Dinge ausprobieren, die in der Gesellschaft noch nicht etabliert sind, sie kann mit ihrer Aufmerksamkeit für Form neue Beziehungsweisen und Realitäten ausprobieren und gestalten. Theater als performatives Feld ist dafür besonders geeignet, denn Körper können Antworten finden und Veränderungen erarbeiten, wo Sprache und Intellekt nur analysieren und beschreiben können.
Volker Löschs letzte Arbeiten waren u.a. Brechts „Dreigroschenoper“ im Reichsbürger- und AfD-Milieu am Staatsschauspiel Dresden, das Stück „216 Millionen“ über Klimaflucht am Schauspielhaus Bonn, „Käsch und Naziss“ am Saarländischen Staatstheater über die Selbstabschaffung der Demokratie und ihre Verteidigung sowie Webers „Freischütz gegen Rechts“ an der Oper Bonn.
Konstanze Schmitt ist bildende Künstlerin und Theatermacherin. Ihre Performances und Installationen untersuchen das utopische wie widerständige Potenzial unseres Alltags. Ihre Arbeiten waren unter anderem zu sehen im HAU und HKW (Berlin), Museo Reina Sofia (Madrid), Museo Nacional de Arte (La Paz), Latvian Center for Contemporary Art (Riga). Sie ist Teil des Kollektivs Lauratibor, mit dem sie seit 2021 Performances zwischen Kunst und Protest im öffentlichen Raum realisiert. Schmitt war 2024/25 Stipendiatin des Berliner Programm Künstlerische Forschung.
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Lernorte. Situationen unbedingter Kritik
Filmscreening von Filipa Césars Mangrove School – mit einer Respondenz von Katharina Schlieben
Künstlerisch forschende Praxis hinterfragt und erweitert konventionelle Konzepte von wissenschaftlicher Forschung und kann durch situative und kollektive Modi der Selbstbildung eigene Orte des Lernens schaffen. Ausgangspunkt für das Gespräch über Lernorte als Stätten kritischer Wissensbildung bildet der Film Mangrove School von Sónia Vaz Borges und Filipa César, anschließend folgt eine Respondenz von Katharina Schlieben.
Mangrove School, Sónia Vaz Borges, Filipa César et al.
PT/FR/ES//DE 2022, 35 min, portugiesische Originalfassung mit englischen Untertiteln
Während des Unabhängigkeitskampfes von Guinea-Bissau zwischen 1963 und 1974, der von dem Agraringenieur, politischen Organisator und Dichter Amílcar Cabral angeführt wurde, wurde ein ehrgeiziges Bildungsprogramm zur Bekämpfung der portugiesischen Kolonialmacht gestartet. Die Revolutionäre bauten mehr als 150 Schulen in den befreiten Gebieten, von denen mindestens eine im gezeitenabhängigen Mangrovenwald versteckt war und aus natürlichen Materialien gebaut wurde. Inspiriert von dieser Geschichte ist Mangrove School eine kollektive Fabulation, die von Sónia Vaz Borges und Filipa César zusammen mit der Malafo-Gemeinschaft in der guineischen Region Oio entwickelt wurde. Die tabellarischen Szenen und Off-Stimmen basieren auf gelebten Erfahrungen sowie auf einem dreiwöchigen Workshop. Der Film erörtert eine antikoloniale Pädagogik, die materiell und philosophisch von der ökologischen Umwelt geprägt ist.
Filipa César ist Künstlerin und Filmemacherin. Seit 2011 erforscht César kollektiv die militante Kinopraxis der afrikanischen Befreiungsbewegung in Guinea-Bissau, indem sie Workshops, Archive, Filme, Performances, Publikationen und Community-Treffen organisiert. Zusammen mit cine-kins hat sie die Mediateca Onshore in Malafo mitbegründet.
Katharina Schlieben ist Kuratorin, Lehrende und Forschende und lebt derzeit in Berlin. Sie forscht zu künstlerischen und kuratorischen Gestaltungs- und Bildungspraxen sowie deren ökologizitären, infrastrukturellen und zivilen Dimensionen und Dynamiken. Zuletzt ist von ihr das Buch Im Modus der Selbstbildung. Frequenzen zivilgesellschaftlicher Bildungspraxis in künstlerischen und kuratorischen Szenen und Sequenzen (München 2025) erschienen. Die Publikation verortet das Künstlerische und Kuratorische als zivilgesellschaftliche und sorgenkulturelle Praxis und Forschung, die eine selbstbildende Sicht auf wissenschaftliche und wissensgesellschaftliche Verständnisse bildungs- und gestaltungspolitischer Nachhaltigkeit öffnet.
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Publizieren. Schreiben und Veröffentlichen als Formen künstlerischer Praxis
Inputs und Paneldiskussion mit Bakri Bakhit, Anke Dyes und Fabian Saul
Sprache, Schrift und Texte eignen sich in besonderer Weise für forschende Verfahren in den Künsten, gehört doch die sorgfältige kritische Arbeit an bestehendem Wissen, an Meinungen und Diskursen zu einem ihrer wichtigsten Anliegen. Dabei unterscheiden sich die Schreibweisen im Kunstkontext deutlich von denen in den Wissenschaften. Was dieser Unterschied in Bezug auf das gewonnene Wissen bedeutet, welche Darstellungsweisen und Veröffentlichungsformen sich für ein künstlerisch-forschendes Schreiben eignen und wie im Zwischenraum der Worte unerwartet Wissen entsteht, besprechen Bakri Bakhit, Anke Dyes und Fabian Saul.
Bakri Bakhit macht den Bierke Verlag, in dem Publikationen aus Kunst, Architektur, Design, Fotografie und Theorie erscheinen. Ihn interessiert besonders, wie eine künstlerische Praxis mit dem Format Buch umgeht, es sich aneignet. Immer wieder entstehen auch Reihen, für die er längerfristig etwa mit dem Gropius Bau oder dem Harun Farocki Institut zusammenarbeitet. Auch hier stehen die künstlerischen Praktiken im Mittelpunkt – mehr als die fertigen Werke. Das Publizieren als Öffentlichmachen und Erweitern der eigenen Praxis verbindet sich mit Lebensformen, Denkweisen und ästhetischen Ausdruckformen. Bakri Bakhit ist Dozent für Theorie und Geschichte des Mode-Designs an der Kunsthochschule Basel.
Anke Dyes ist Professorin für künstlerisches Schreiben und Forschen an der Akademie der Künste München. Schreiben und Forschen sind zentrale Aspekte ihrer künstlerischen Praxis. Im Spannungsfeld zwischen ästhetischer und sozialer Normativität angesiedelt, erprobt sie künstlerisch-forschende Methoden, befasst sich mit (sub)kulturellen Praktiken oder veränderten digitalen Schreib- und Informationsweisen, die sich klassischen Disziplinen und ihren Verwertungslogiken entziehen. 2020/21 war sie Stipendiatin im Berliner Programm Künstlerische Forschung. Aus ihrer Sicht lag der große Vorteil vom Berliner Programm darin, Text als eigenständiges Material bzw. Medium ernst zu nehmen.
Fabian Saul ist Schriftsteller, Komponist und Chefredakteur des Flaneur Magazine. Seine Arbeit bewegt sich zwischen Literatur, Musik, Performance und ortsspezifischer Recherche. In Romanen, Essays, Kompositionen und installativen Formaten untersucht er, wie Erinnerung, Gewaltgeschichte und politische Gegenwart ineinandergreifen und wie Orte zu Trägern von Klassenverhältnissen, Ausschlüssen, Kämpfen und widerständigen Erzählungen werden. Aus einer machtkritischen und antifaschistischen Perspektive fragt Saul danach, welche Geschichten in den Archiven der Macht verschwinden, wessen Trauer politisch anerkannt wird, wessen Stimmen zum Schweigen gebracht werden und wie Literatur Räume für Solidarität und kollektive Vorstellungskraft öffnen kann. In seinem Beitrag spricht er über Recherche und Literatur, über Archive, Orte und Stimmen und über den Eigensinn literarischen Wissens als Praxis der Kritik und der politischen Imagination.
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Konzept: Anna Bromley, Kathrin Busch und Peter Spillmann
Visual: Till Gathmann